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Donnerstag, 23.Dezember 2004

Donnerstag, 18.November 2004
EHRLICHE PORTRÄTS, DIE DEN MENSCHEN ADELN
Die 31-jährige Fotografin Sabine Kristan aus Eppstein inszeniert "Körperlandschaften" / Qual der Auswahl
Das Wesentliche ist sichtbar auf den Bildern von Sabine Kristan. Alles andere lässt die Eppsteiner Fotografin weg: Farben zum Beispiel oder steife Posen. Zwischen Schatten und Licht zeigt Kristan die ganz eigene Ausstrahlung der Körper.
Von Kathrin Althans
EPPSTEIN. Sie sind unglaublich rund und stechen ins Auge: perfekt gewölbte, pralle, hochschwangere Bäuche, die die Fotografin Sabine Kristan mit Licht und Schatten in Szene setzt. Eine Hand auf der Rundung, etwas Brust oder Po, viel mehr ist nicht zu sehen von den Frauen. Solo für die Kugel, manchmal nicht mehr als eine schimmernde Sichel im Dunkel.
Das aber ist nur der erste Akt. Der Effekt von "Vorhang auf" liegt zwischen den Bildern, wenn die Fotografin innerhalb der ersten Lebenswoche das zugehörige Neugeborene ablichtet. Runzlig noch, oft mit geschlossenen Augen und sehr verletzlich liegen die Kinder meist in den väterlichen Händen. Mit dem Titel "Im Schatten des Bauches" verweist die Fotografin sowohl auf die kleinen Hauptpersonen in ihrem Versteck als auch auf ihre Arbeitsweise, die Schwarz-Weiß-Fotografie.
"Das ist mein Markenzeichen", sagt die freie Fotografin, "die Kunden wissen: hier wird kein Farbfilm eingelegt." Vereinzelte Farbaufnahmen finden sich dennoch in ihrem Œvre, etwa bei Modefotografien oder für Künstler vor ihrer Leinwand. Doch was sonst in ihrem Eppsteiner Atelier hängt, spricht für sich: Kunstwerke aus Licht und Schatten, schlicht, ohne kalt zu wirken, sensibel, aber nicht sentimental. Gesichter, Körper, Füße, Hände, Augen. Kunstwerke aus Licht und Schatten, Gesichter, Körper, Füße, Hände, Augen.
Sabine Kristan hat nie etwas anders interessiert: keine Werbeaufnahmen, keine Stillleben, keine Landschaftsfotografie. Nach einem Fotokurs in der Schule hat sie beschlossen, Fotografin zu werden. Ihre "klassische Ausbildung" machte sie in einem Frankfurter Porträtstudio. Dort habe sie viel gelernt, sagt sie, und die anschließenden Lehr- und Wanderjahre als Assistentin bei freien Fotografen möchte sie ebenfalls nicht missen. Aber sie wusste von Anfang an, was sie eigentlich wollte: selbstständig arbeiten, mit dem eigenen Namen unter ihren Bildern. Seit 1999 fotografiert sie auf eigene Rechnung. Nach einem kurzen Schlenker über eine Ateliergemeinschaft in Wiesbaden hat die 31-Jährige im Main-Taunus-Kreis ihr Schaffensgebiet gefunden.
Das bedeutet weniger Konkurrenz als in den großen Städten und viele Kontakte, die die gebürtige Wiesbadenerin seit ihrer Schulzeit in Hofheim pflegt. Doch wirken möchte sie gerne über den Vordertaunus hinaus. Vom ersten Tag ihrer Selbständigkeit an präsentiert sie sich auch mit freien Arbeiten in Wechsel-Ausstellungen. Die "Bauch-und-Baby-Fotos" aber wie auch Aktaufnahmen von Kunden sind ihre tägliche Arbeit, "davon kann man leben".
"Ich fotografiere hier keine Modelle", sagt die Fotografin, jeder könne vor ihrer Linse posieren. Ehrliche Bilder will sie machen, auf denen die Kunden sich wiedererkennen. Um Ungeübte vor der Profi-Kamera zu entspannten Gesten zu bewegen, kommt das Instant-Format der Fotografie zum Einsatz, die Sofortbildkamera. "Ohne Polaroid geht gar nichts", sagt Kristan, "wenn das gut aussieht, dann sind sie auf meiner Seite".
Die Fotografin nimmt sich viel Zeit, zwei bis vier Stunden kann die Sitzung in Anspruch nehmen. Für die Akt-Aufnahmen müssen die Hüllen fallen, das verlange viel Vertrauen. Ist das Eis erst gebrochen, macht es beiden großen Spaß, erzählt Kristan. So entstehen Porträts und "Körperlandschaften" auf Papier, die jeden adeln, aber keinen belügen. Quälen soll den Kunden nur die Auswahl aus den 30 bis 40 Aufnahmen. "So muss es enden, das ist mein Anspruch an mich", sagt sie.
"Es gibt in der Fotografie nichts Neues, es ist alles schon einmal fotografiert worden." Wenn sie sich einen Namen macht, dann indem sie es anders zeigt. Das fängt mit dem Einlegen des Schwarz-Weiß-Films an, denn Kristan arbeitet grundsätzlich analog. "Das ist alles Handarbeit", sagt sie mit Blick in die vielen Gesichter an den Wänden ihres lichten Studios. Authentisch, ehrlich und auf das Wesentliche reduziert nennt Kristan ihren Stil.
Sie überrascht gern, andere wie sich selbst, mit dem fremden Blick auf Vertrautes. Eine Serie von Füßen, pur und ungeschönt, prangt in der Sammlung. Die hat sie fast trotzig begonnen, als sie für die Idee nur Stirnrunzeln erntete. Füße, das ist "das was die Menschen verstecken, da will ich zeigen: da kann man was Tolles draus machen", schwärmt sie. So brachte sie von ihrer London-Reise nur Fotos aus dem Untergrund mit, U-Bahn-Schächte im Neon-Licht. Big Ben kann warten. "Stadtansichten" durch ihre Linse will sie weiter sammeln. Anfang des Jahres geht es nach Venedig, irgendwann soll ein Buch daraus werden.
Eine große Ausstellung plant sie mit Porträts von Künstlern aus dem Main-Taunus-Kreis, darunter Ingrid Jureit, Kai Wolf, Ute Wurtinger und Kirsten Hammerström. Neben ihren Fotos sollen die Werke der Maler, Bildhauer oder auch eines Fotografen zu sehen sein. Die Kollegen sind "teilweise unglaublich schwer zu fotografieren", sagt Kristan, die immer mit etwas Respekt auf Atelierbesuch geht. Doch ins kalte Wasser gesprungen ist sie mehr als ein Mal. Und das ist auch gut so, denn, so schön die Bilder auch sind, "ich bin nicht nur die Bauch-und Baby-Fotografin", bekennt Sabine Kristan.
In Hofheim sind die "Körperlandschaften" von Sabine Kristan vom 19. Januar bis 9. März bei Peter Wurm-Friseur und Kultur, Taubengasse 4, zu sehen. Vernissage ist am 19. Januar, 14 Uhr. Informationen und Kontakt unter Tel. 0 61 98 / 57 74 87

Dienstag, 14.Januar 2003


